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Von der Heidefläche zum Truppenübungsplatz

1648 Karte Lockstedter Lager 523

Die junge Gemeinde Hohenlockstedt ist nicht vergleichbar mit den anderen Gemeinden in Schleswig-Holstein. Sie ist erst nach dem Ersten Weltkrieg entstanden und hat dennoch eine uralte Geschichte.

Bereits 1319 wurde die erste Dorfschaft der heutigen Großgemeinde urkundlich erwähnt. Ein Kontrakt zu Gunsten des Klosters Itzehoe mit der Übereignung einer Kate und dem dritten Teil einer Hufe soll fortan an die “Riddere”  erinnern. Somit war der erste Ortsname einer der ersten Hohenlockstedter Dorfschaften mit Ridders geboren.

110124 Ridders - Name Riddere-514-117


Ausschnitt aus der Urkunde aus dem Jahre 1319 [gesamte Urkunde hier...]
 


Wo immer man in Deutschland die Veteranen des Ersten Weltkrieges nach dem Lockstedter Lager befragt hatte, erinnerten sie sich des einstig großen Truppenübungsplatzes. Hier erhielten  mehr als eine halbe Million Soldaten ihre Ausbildung. Unzählige Schweißtropfen mögen sie im Lockstedter Lager verloren haben.

Wer heute die Landschaft rund um den Hohenlockstedter Ortskern betrachtet, kann sich nicht vorstellen, wie vor über 100 Jahren das hügelige Terrain ausgesehen hat. Weite Heideflächen wurden von Wäldern umgeben und von Moorflächen sowie von sumpfigen Niederungen durchzogen.

1912 LOckstedter Lager Luftaufnahme-523


oben: Luftaufnahme vor 1906 vom Lockstedter Lager mit Blick Richtung Bücken/ Schlotfeld/ Oesau

unten:  Die Heideflächen umgeben von Wäldern und durchzogen von Niederungen
[Alle vier Fotos: Vahlendiek, Kellinghusen]
 

1912 LOckstedter Lager  Bismarckteich-1-523-k

 

1912 LOckstedter Lager  Heidefläche-1-523

 

1912 LOckstedter Lager  Heidefläche-523



Die Heideflächen waren nach der letzten Eiszeit vor rund 10000 Jahren entstanden, als sich die Endmoränen mit ihren Ausläufern zu den Stör- und Elbniederungen erstreckten. Die abschüssige Gegend zu den großen Flußläufen waren besonders während des Übergangs von der Jungsteinzeit zur Bronzezeit und danach ein gesuchtes Siedlungsgebiet.

Davon zeugen die gewaltigen Hünengräber, die auch auf dem Terrain des heutigen  Hohenlockstedts zu finden waren. Die Reisebeschreibung von dem niederdeutschen Heimatdichter Johann Hinrich Fehrs verdeutlicht, dass sich eine Ansammlung von Hügelgräbern an der Abzweigung der alten Heerstraße nach Lübeck [Bundesstraße  206] und dem Weg nach Ridders [Landesstraße 127] befunden hatten.

”Bei der Biegung der Chaussee [Hinter Mühlenbarbek alte Heerstraße von Lübeck Richtung Itzehoe] geht rechts ein Weg ab, der nach dem vor einigen Jahrzehnten abgebrochenen Ridders führte. Beide, Dorf und Weg, wurden dem Truppenübungsplatz hinzugefügt. Unweit der Stelle, wo die beiden Wege sich vereinigen, stand vor 60-70 Jahren noch unversehrt eine Gruppe von [neun] Hünengräbern ‘de Negenbargen’, jetzt längst durchwühlt und zwar derart, daß sie ihre ursprüngliche Gestalt gänzlich eingebüßt haben und kaum wieder zu finden sind”, schreibt der Heimatdichter im Jahre 1914*  und fuhr fort: ”Eine pietätvollere Hand hätte die uralten, geheiligten Denkmäler wohl mehr geschont.”

Unweit der eingeebneten Fläche befinden sich zwei andere Grabhügel, die ‘Wartenberg’ heißen und unscheinbar und unmittelbar hinter der Gemeindegrenze zu Mühlenbarbek auf der sogenannten Koppel ‘Schäferkamp’ liegen**. Auf einer alten Geländekarte des ehemaligen Truppenübungsplatzes weist ein eingezeichneter Weg auf die Hügelgräber hin, der den Namen Hünenweg erhielt.

* ‘Unsere meerumschlungene Nordmark’, Heimatbuch von Hermann Krumm und Fritz Stoltenberg Band I, Seite 261, Bericht Johann Hinrich Fehrs vom Verlag Lipsius & Tischer, Kiel 1914
** Arbeitskreis Volkszahlregister, Silke Müller/ Heide Beese 28. 9. 2012 zur Topografie der Gemeinde Mühlenbarbek http://www.top.akvz.de/4680.pdf


1912 LOckstedter Lager  Hünengrab-523


oben: Ein erhaltenes Hügelgrab [um 1900] unweit von ehemals ‘Negenbargen’ auf dem Schäferkamp
 [Foto: Vahlendiek, Kellinghusen]

unten:  Nachcolorierter 1850 erstellter Kartenausschnitt aus ‘Herzogtümer Holstein und Lauenburg’
von Th.. Anders gedruckt im Verlag Hoffmann Campe
 

-Hügelgräber

 

1850 Kartenausschnitt Grabhügel -523

 

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oben: Hügelgrab heute auf dem Schäferkamp der Gemeindegebiet Mühlenbarbek
 Grenze zu Hohenlockstedt ist der Weg mit der Knickreihe hinter dem Hügelgrab 
 

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 Nahansicht des ersten Hügelgrabes Wartenberg [1] und
100 Meter südlich davon das zweite Hügelgrab [2]
 

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Aus dem bislang vorliegenden Material der [späteren] Eisenzeit kann man schon erkennen, daß im Gebiet der unteren Bekau zwischen Itzehoe, Oldendorf, Mehlbek, Looft und Ridders ein stark besiedeltes Stammesgebiet liegt, während bei Quarnstedt, Brokstedt und Hennstedt-Poyen- berg außerhalb liegende Stammesgebiete eben noch in den Kreis hineinzurechnen erscheinen***.

*** ‘Heimatbuch des Kreises Steinburg’, Band I Seite 72, Bericht von Dr. phil. Alfred Tode, Kiel; Verlag J.J. Augustin Glückstadt 1926


Ab hier wird die Geschichte überarbeitet

Auf diesen ausgedehnten Heideflächen zwischen den Steinburger Städten Itzehoe und Kellinghusen musterte der dänische König Christian IV. im Jahre 1625 Truppen. Zu dieser Zeit erkannte auch Wallenstein die Vorzüge dieses Geländes für militärische Zwecke. Nach dem deutsch-dänischen Krieg im Jahre 1864 wurde hier ein Auffang-, Entlassungs- und Rekrutierungslager eingerichtet.

Holo Luftaufnahme 1908 1

Luftaufnahme aus dem Luftschiff um 1900

Das Lockstedter Lager bestand zu dieser Zeit aus Zelten, hatte jedoch schon feste Feuerstellen, Back- und Vorratshäuser. 1870/71 wurde ein Barackenlager für bis zu 6.000 französische Kriegsgefangene errichtet.

Ab 1872 wurde dieses Lager zum Truppen- übungsplatz ausgebaut. Es entstanden Schießplätze und vor den Toren des Lagers eine "Marketenderansiedlung”. 1881 erreichte das Lockstedter Lager durch die "Kaisermanöver" seine höchste militärische Publizität.1889 wurde es an die Eisenbahn angeschlossen.

 

Holo Wasserturm 1910

Wasserturm um 1901

Wasserturm

Der Wasserturm, noch heute das Wahrzeichen von Hohenlockstedt, wurde von 1900 bis 1901 gebaut, um die hier untergebrachten Truppen mit Wasser zu versorgen. Zu erwähnen ist noch, dass schon damals eine Kanalisation mit den Rieselfeldern bei der Lohmühle angelegt wurde. Demnach erhielt das Lockstedter Lager eher eine Kanalisation als die nahegelegene Stadt Itzehoe. Auf dem Übungsgelände stellte 1906 Feldmarschall Graf Waldersee das Expeditionskorps zusammen, das dann über Kiel nach Ostasien aufbrach, um den sogenannten ”Boxeraufstand” mit dem Slogan ”Germans to the front” in China niederzuschlagen.

 

Jährlich 100.000 Soldaten ausgebildet

Von den Ausmaßen des Truppenübungsplatzes während des Ersten Weltkrieges macht man sich keine Vorstellung: 20 000 Soldaten und 5000 Pferde konnte die ”Soldatenstadt ” Lockstedter Lager unterbringen, fast so viele Menschen wie die Kreisstadt Itzehoe damals an Einwohnern hatte. 100 000 Soldaten wurden jährlich auf diesem Übungsplatz ausgebildet. Viele alte Bauten und die Namen mancher Gastwirtschaften erinnern noch heute an das einstige Soldatenleben

 

Finnische Verbundenheit

Aus dieser Zeit stammt auch die besondere Verbundenheit mit Finnland. 1915 kamen Angehörige dieses kleinen, aber wehrhaften Volkes zum Lockstedter Lager, um sich auf den Freiheitskampf gegen den östlichen Feind vorzubereiten.Finnland war seit über 100 Jahren ein selbständiges Fürstentum unter den russischen Zaren.

finnische Jäger

Finnische Jäger bei der Ausbildung

Es konnte sich zunächst frei entfalten, hatte sogar eine eigene Regierung in Helsinki.Doch zu Beginn des 20. Jahrhunderts begannen die Russen, Finnland zu unterdrücken.

Es kam zur Gegenwehr des freiheitsliebenden finnischen Volkes. Eine günstige Gelegenheit sahen die Finnen im Ersten Weltkrieg, als Deutschland gegen Russland Krieg führte.

Still und heimlich verschwanden mehrere hundert junge Finnen, zum Teil über den vereisten Bottnischen Meerbusen, um sich in Deutschland zu Soldaten ausbilden zu lassen. Am 25. Februar 1915 trafen die ersten jungen Finnen im Lockstedter Lager ein. Aus dem einstigen “Pfadfinderkurs” ging das finnische Jägerbataillon 27 hervor.

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Finnische Jäger in der Breiten Straße um 1916

Diese Finnischen Jäger als Kadereinheit der Armee waren es, die dann vereint mit deutschen Soldaten ihr Heimatland befreiten. Die Wiege der Freiheit Finnlands lag sozusagen im Lockstedter Lager.

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Finnisches Ehrenmal in Hohenlockstedt

Noch heute besuchen finnische Bürger die Gemeinde Hohenlockstedt und legen seit Jahrzehnten am finnischen Ehrenmal Kränze nieder.

Diese Verbundenheit zwischen Finnland und Hohenlockstedt ist bis heute geblieben. Es gibt einen Freundschaftsvertrag zwischen der finnischen Stadt Lapua bei Vaasa und der Gemeinde Hohenlockstedt. Gegenseitige Besuche vertiefen diese Freundschaft.

Viele Familien beiderseits kennen sich persönlich. Die Freundschaft beschränkt sich aber nicht nur auf Lapua. Als die Hohenlockstedter Schule eine Partnerschule in Finnland suchte, wurde ihr von einer Dienststelle höheren Ortes mitgeteilt: Hohenlockstedt ist nicht nur für eine finnische Gemeinde da, sondern für ganz Finnland.

 

Vom Militärstandort zur Großgemeinde

Nach dem Ersten Weltkrieg forderte der Versailler Vertrag auch die Auflösung des hiesigen Truppenübungsplatzes. Die Unterkünfte dienten zunächst als Flüchtlingslager ”Dulag” für Vertriebene aus den Abstimmungsgebieten (Dulag = Durchgangslager). Dieses Lager hatte eine ähnliche Funktion wie das Durchgangslager ”Friedland” nach dem Zweiten Weltkrieg.

Die Flüchtlinge sollten in dieser Region Land erhalten, um es ”urbar” zu machen. Denn bisher wurden diese kargen Flächen nicht kultiviert. Mit schweren Pfluglokomotiven wurde der Boden mehrfach umgebrochen, bis man nach Jahren beginnen konnte, die Ländereien zu bepflanzen. So entstanden auf dem einstigen Truppenübungsplatz 118 Siedlerstellen mit je 15–18 Hektar Land. So wurde aus der alten Lockstedter Heide eine richtige Gemeinde. Am 1. Juli 1927 wurden alle vorhandenen Reichsflächen zur neuen Großgemeinde Lockstedter Lager zusammengefasst.

 

 

1934 wurde mit dem Bau der "Heeresmunitionsanstalt" (Muna) begonnen. 1939 arbeiteten dort 1.000, 1944 bereits 4.000 Menschen. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde das Lockstedter Lager wieder zu einem Flüchtlingslager.

Das Ende des 2. Weltkrieges brachte wieder eine große Anzahl Heimatvertriebener in die Gemeinde. Sie wurden in den ehemaligen Bunkern der Heeresmunitionsanstalt untergebracht. Daraus entstand auch das Partnerschaftsverhältnis zur Gemeinde Döbern im Kreis Preußisch-Holland, das am 7. September 1963 begründet wurde.

 

Vom Lockstedter Lager zu Hohenlockstedt

Lockstedter Lager Kieler Straße 61

Kieler Straße in Höhe Hausnummer 61 - Spiegel 1956

In den großen Hallen auf dem Gelände der ehemaligen Munitionsanstalt siedelten zunehmend Industriebetriebe an. Das Jahr 1956 brachte für den Ort ein Ereignis besonderer Bedeutung. Auf Wunsch der Gewerbetreibenden, aber auch eines großen Teils der Bevölkerung kam es zu der Namensänderung der Gemeinde. Insbesondere war es das in den vergangenen zwei Jahrzehnten stark negativ besetzte Wort "Lager" im Ortsnamen, das zur Namensänderung führte. 1956 wurde die Gemeinde Lockstedter Lager in "Hohenlockstedt" umbenannt. Die Gemeinde umfasst die Ortsteile Lockstedter Lager, Bücken, Hungriger Wolf, Ridders, Hohenfiert und Springhoe.

Luftaufnahme Pohl Biskamp

Pohl & Boskamp

Auf dem ehemaligen Muna-Gelände siedelten sich die Arzneimittelhersteller Pohl-Boskamp und die die aus dem Erzgebirge stammende Firma H. Nier an. Bis heute wird die "Feuerhand"-Petroleumlampe herstellt. 

Die Gemeinde hat heute gut 6.300 Einwohner, pflegt besonders mit Finnland eine enge Partnerschaft. Das ehemalige Militärlager war nur noch Standort für eine Heeresfliegereinheit auf dem "Hungrigen Wolf". Im Rahmen der zweiten Truppenreduzierung der Bundeswehr nach dem Zusammenbruch des Warschauer Paktes beschloss das Bundesverteidigungsministerium im Februar 2001 den Standort Hohenlockstedt aufzugeben. Umfangreiche Proteste in der Gemeinde und der Region sowie das Bemühen der Landesregierung scheiterten, das Heeresfliegerregiment 6 mit 929 Arbeitsplätzen als Teil des Katastrophenschutzes vor der Auflösung zu bewahren.

flugplatz luftaufnahme 68

Gewerbe- und Freizeitpark Hungriger Wolf

Nunmehr haben sich auf diesem Gelände zahlreiche Firmen angesiedelt. Dieses gewerbliche Areal dient der Sportfliegerei und bietet genügend Raum für umfangreiche Betriebsansiedlungen.